Ökologischen Aspekte der Zuwanderung

Die über die Medien zum Teil sehr emotional geführte Debatte über die Zuwanderung im Luxemburger Raum („700.000er-Diskussion“) hält bis zum heutigen Tage an. Aus vielen Beiträgen ist ersichtlich, dass die Luxemburger Angst vor einem starken Bevölkerungsanstieg haben. So lehnen z.B. in einer rezenten, jedoch nicht repräsentativen, Umfrage des Mouvement Ecologique 37% der Befragten ein weiteres Anwachsen der Bevölkerung kategorisch ab (MECO 2001).

Man kann in den Beiträgen zwei Befürchtungen unterscheiden:

  • die Angst der Luxemburger im eigenen Land zur Minderheit zu werden, sowie
  • die Angst vor negativen Auswirkungen eines stark wachsenden Ressourcenverbrauchs auf die Lebensqualität.

Mit letzterem Problem, den ökologischen Aspekten der Zuwanderung nach Luxemburg, befasst sich die vorliegende Studie des Sustainable Europe Research Institute (SERI). Dabei wurden die ökologischen Aspekte an vier vom Luxemburger Umweltministerium vorgegebenen Themenfeldern untersucht:

  1. Energiebedarf;
  2. Verkehr;
  3. Flächenverbrauch;
  4. Abfall.

Die Befürchtung, dass die prognostizierte Zuwanderung durch den damit verbundenen Ressourcenverbrauch zu einer massiven Beschränkung der Lebensqualität in Luxemburg führen muss, ist nach den vorliegenden Untersuchungen von SERI nicht haltbar.

Zwischen den Faktoren Bevölkerungsentwicklung, Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch besteht keinesfalls ein linearer Zusammenhang. Vielmehr liegen bei den untersuchten Themenfeldern höchst unterschiedliche, teilweise sogar gegensätzliche Trends vor.

Im Bereich des Energieverbrauchs ist die treibende Schlüsselgröße der technische Fortschritt in Form der Energieintensität oder Energieproduktivität (Verhältnis von Primärenergiebedarf und Wirtschaftswachstum). Falls es hier gelingt, die vergangenen Trends zu erhalten, könnte trotz einer Bevölkerung von 700.000 im Jahre 2050 der Primärenergiebedarf unter dem der Neunziger Jahre liegen.

Die Umweltbelastung des Verkehrs können auf ein durch den gewachsenen Wohlstands (BIP pro Kopf) verändertes Verbraucherverhalten und die Zuwanderung zurück geführt werden. Insgesamt sind die in den 90er Jahren eingeführten technischen Gegenmaßnahmen im Verkehrssektor erfolglos geblieben. Diesem negativen Trend kann durch Maßnahmen zur Senkung des Energie- und Materialverbrauchs pro Verkehrsdienstleistung entgegengewirkt werden. Eine Abkopplung des Verkehrsvolumens vom Wirtschaftswachstum sollte das oberste Gebot der Verkehrspolitik in Luxemburg werden. Das Verkehrsvolumen darf nicht wie bisher stärker anwachsen als die Wirtschaftsleistung. Insgesamt besteht im Bereich Verkehr dringender Handlungsbedarf – unabhängig von der Bevölkerungsfrage. Für eine zukunftsfähige Verkehrspolitik bieten sich eine Reihe politischer Optionen an: zum einen die Einführung strengerer technischer Vorschriften, zum anderen die Verlagerung des Verkehrs von der Straße auf ressourcenextensivere Verkehrsträger sowie fiskalische Maßnahmen durch die Internalisierung externer Effekte. In diesen Zusammenhang darf auch die europäische Harmonisierung der Abgaben auf Kraftstoffe nicht ausgeschlossen werden.

Für das Anwachsen der Siedlungs- und Verkehrsflächen im Großherzogtum Luxemburg ist neben der Bevölkerungsentwicklung mehr noch das Wirtschaftswachstum pro-Kopf ausschlaggebend. Zur Umkehr des negativen Trends wäre eine Erhöhung der Flächenproduktivität unbedingt erforderlich. Das Verhältnis von Wirtschaftswachstum und Flächenverbrauch muss verbessert werden, da eine Extrapolation des bisherigen Trends eine Versieglung durch Siedlungs- und Verkehrsflächen auf 80% des verfügbaren Territoriums des Großherzogtums ergibt. SERI empfiehlt eine technische Entwicklung und Re-Allokation der Produktionsfaktoren hin zu mehr Wertschöpfung je ha Siedlungs- und Verkehrsfläche. Wichtig ist auch, den pro-Kopf Verbrauch an Siedlungs- und Verkehrsfläche durch geeignete Siedlungsplanung konstant zu halten (effizientere Nutzung der Siedlungs- und Verkehrsflächen).

Im Hinblick auf das pro-Kopf-Abfallaufkommen ist die treibende Größe weniger die Bevölkerung sondern und der Konsum der Luxemburger. Setzten sich die Trends der 90er Jahre für diese Größen in der Zukunft fort, wird das Abfallaufkommen auch bei einer konstanten Bevölkerung stark anwachsen. Das Zusammenwirken von Wirtschaftswachstum, Zuwanderung und Konsumgewohnheiten bedrohen die Lebensqualität der Luxemburger. Den größten Fehler den die Luxemburger jetzt begehen könnten, wäre auf einseitige Warnungen vor einer angeblichen Überfremdung zu hören, da vor allem die Verschwendung von Naturgütern die Lebensqualität in Luxemburg gefährdet.

Krisen können auch als Chance genutzt werden. Die Luxemburger sollten einen gesellschaftlichen Konsens darüber herstellen, welche sozialen, ökonomischen und ökologischen Prioritäten sie verfolgen. Hierbei könnte die nationale Nachhaltigkeitsstrategie eine wichtige Rolle spielen. Nationale Strukturindikatoren könnten (ähnlich wie in dieser Studie) Entwicklungen aufzeigen. In sich konsistente Entwicklungsziele sollten zur Grundlage einer Integration von Wirtschafts-, Umwelt- und Sozialpolitik gemacht werden. Die vorgelegten Untersuchungen legen nahe, dass vor allem die Raum- und Verkehrspolitik überprüft und ggf. nach dem Ziel der Ressourcenproduktivität neu ausgerichtet werden müssen. Eine Erhöhung der Effizienz bei der Flächennutzung sowie bei Transportdienstleistung ist eine komplexe Herausforderung, die jedoch nicht nur für Luxemburg erforderlich sein wird. Jenen, die dieser Herausforderung gewachsen sind, wird sie die Märkte der Zukunft erschließen.

Download des gesamten Berichts.

Kontakt

  • Philip Shepelmann

Projektpartner


Projektdauer

  • 2001

Kunde

  • Umweltministerium (Luxemburg)


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